
30. Oktober 1613. Im Eferdinger Gasthaus „Zum goldenen Löwen“ feiert ein in Linz wohnhafter und tätiger Bräutigam seine Hochzeit mit der örtlichen Bürgerstochter Susanne Reuttinger. Sein Name ist – Johannes Kepler.
Jedes Schulkind, das etwas über Schwerkraft lernt, kennt die Geschichte von Isaac Newton und dem Apfel, der ihm auf den Kopf geplumpst ist und ihn damit zu seinem Gravitationsgesetz inspiriert haben soll. Eine hübsche kindgerechte Geschichte. Dabei ist bis heute umstritten, ob sie überhaupt wahr ist. Eine solche Geschichte um eine wissenschaftliche Erkenntnis hat Johannes Kepler (1571-1630) auch zu bieten – die ihm in Linz passiert ist! Leider ist sie nicht kindgerecht, denn es geht um Alkohol. Wahr ist ist sie dafür umso mehr.
Hexen, Mütter und Ehefrauen
Der berühmte Gelehrte hatte in den 15 Jahren, die er in Linz lebte, zwei große persönliche Probleme zu lösen. Einmal musste er einen jahrelangen Prozess führen, um seine Mutter aus dem Gefängnis zu befreien. Weil sie wegen Hexerei angeklagt war! Wir schreiben ja das frühe 17. Jahrhundert und die Aufklärung war noch weit entfernt. Und dann wollte er mit 42 Jahren zum zweiten Mal heiraten, zog nicht weniger als 11 Kandidatinnen – nur Jungfrauen und Witwen – in Erwägung und entschied sich schließlich für Susanne Reuttinger. Mit dieser Hochzeit fängt die Geschichte an.
Was wollen wir trinken …
Wie heute oft auch noch bestellte der Bräutigam für die Festgäste einen guten Tropfen aus Niederösterreich. Als der Weinhändler kam, musste dieser vor Rechnungslegung die gelieferte Menge bestimmen. Und das tat er mit einer Messrute, die er in das Spundloch jedes Fasses einführte. Kepler ging sofort auf, dass das mathematischer Unsinn war, denn die Holzfässer waren noch nicht genormt, darum verschieden breit und hoch und folglich auch mit unterschiedlichem Volumen.
… und was kostet das?
Ganz im praktischen Interesse eines sparsamen Neuvermählten – die Familie war gerade von der Hofgasse in das heutige Kepler-Haus in der Rathausgasse übersiedelt – entwickelte Kepler nun ein Näherungsverfahren zur Bestimmung der Fläche unter einer Parabel: die „Kepler’sche Fassregel“. Warum diese heute kaum bekannt ist, ist übrigens weniger durch den alkoholischen Hintergrund bedingt. Heute löst man so etwas mit der Integralrechnung, die wurde aber erst Jahrhunderte später erfunden. Ob Kepler damit seine Eferdinger Hochzeitsfeier tatsächlich günstiger als verrechnet gestalten konnte, ist leider nicht überliefert.
Seine angebliche Hexen-Mama konnte er aber aus dem Kerker befreien – nach sechs Jahren! Was eindeutig zu lange für die arme Frau war. Sie starb schon ein halbes Jahr nach ihrer Entlassung.
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