
1838. Dass Linz eine lange Tradition als Industriestadt hat, wissen die meisten. Wie lange dagegen eher nicht. Der älteste noch existente Linzer Industriebetrieb wird in zwölf Jahren seinen sage und schreibe 200. Geburtstag feiern: die Linz Textil AG.
Dabei waren bei ihrer Gründung als „Baumwoll-Gespunstfabrika“ ähnliche Unternehmen im Standortumfeld schon operativ. Wegbereiter des heutigen Konzerns war Johann Evangelist Grillmayer (1809-1881), der keineswegs ein reicher Erbe oder etablierter Unternehmer war.
Der Mann hat die Ideen, die Frau das Geld
Als junger Angestellter einer Tuch-Handelsfirma lernte er beim Garneinkauf in England die neuen Spinn-Maschinen kennen und konnte diese nur darum in die damals noch eigenständige Gemeinde Kleinmünchen holen, weil er die Witwe seines Chefs heiratete und dank ihres Kapitals in die bereits bestehende Baumwoll-Spinnerei seines Freundes Anton Wöss einstieg. Und er begann nicht klein. Gleich zehn große Spinnmaschinen wurden montiert, die von Grillmayr nach englischen Vorbildern selbst konstruiert wurden. 1847 arbeiteten schon über 200 Personen an 199 Spinnmaschinen. Das war auch das Jahr, in dem Grillmayer die Firma alleine übernahm, da die rasante Expansion Wöss zu riskant wurde.
Fast beim Gründerkrach krachen gegangen
1872 ging man als „Actiengesellschaft der Kleinmünchner Baumwoll-Spinnereien und mechanische Weberei“ an die Börse und wäre bereits ein Jahr später fast beim sogenannten „Gründerkrach“ von 1873 untergegangen. Dieser Einbruch der Finanzmärkte beendete die Gründerzeit und ließ eine lange Wirtschaftskrise folgen, die bis in die 1890er Jahre anhielt. Nur mit knapper Not und unter Einsatz enormer Privatmittel gelang es Johann Grillmayer, die Gesellschaft zu retten. Dieses Engagement zahlte sich für ihn persönlich jedoch leider nur kurz aus. Sein Tod im Jahre 1881 beendete auch den direkten Einfluss der Familie Grillmayer.
Größter Industriebetrieb in der Stadt Linz
Für das Unternehmen ging es dennoch weiter bergauf. Den 1. Weltkrieg und den Zerfall der Donaumonarchie bewältigte es mit strategischen Investitionen und weiterem Ausbau. Dabei zählte die Firma im 1923 eingemeindeten Kleinmünchen stets zu den größten Arbeitgebern in Linz und Umgebung und war 1937 auch der größte Industriebetrieb der Stadt. 1938 änderte dann alles. Hitler und die Nazis sahen bekanntlich die Eisen- und Stahlproduktion als das neue wirtschaftliche Rückgrat von Linz vor – nicht die Textilindustrie. Durch Verkäufe mehrerer großer Aktienpakete sollte während des 2. Weltkiegs aber auch etwas geschehen, was dem Unternehmen einen großen Nutzen bringen sollte.
Ein Schweizer Unternehmen?
Die Aktienmehrheit war in den Besitz der „Schweizerischen Druckereien und Färbereien Trust AG“ gelangt. Und dieser neue Status als „Schweizer Unternehmen“ war in der Nachkriegszeit gegenüber den Besatzungsmächten Gold wert. Dabei sah es 1945 alles andere als rosig aus. Bombentreffer hatten das Werk in Kleinmünchen schwer beschädigt, von vormals 1.400 Beschäftigten waren nur 176 verblieben. Der Wiederaufbau gelang zwar, doch erfolgte ein abermaliger Einbruch ausgerechnet in der Zeit des Wirtschaftswunders. Über Jahrzehnte war es nicht möglich, aus den roten Zahlen zu kommen.
Ende oder Neuanfang
Mitte der 1970er war man am Punkt angelangt, entweder eine grundlegende Neuausrichtung zu vollziehen oder die Stilllegung und Verwertung der Grundreserven und Wasserrechte zu veranlassen. Man entschied sich für Investition und Modernisierung. Und eine strategische Konzentration auf das textile Halbfabrikat, das über Garne und Rohgewebe hinausgehen sollte. Weitere zentrale Aspekte der Neuausrichtung waren 1978 der neue Name „Linz Textil AG“ und ein massiver Expansions- und Akquisitionskurs. Die Textilindustrie gehört heute zu den am stärksten globalisierten Branchen weltweit. Dennoch gibt es den ältesten Linzer Industriebetrieb mit Zentrale am selben Standort von Anfang an immer noch. Hoffentlich auch bis zum 200. Geburtstag und darüber hinaus.
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